Jüdisches Sozialwesen
Jüdischer Alltag im Fürstentum Fulda des 18. Jahrhunderts. In seinem Vortrag zum „jüdischen Alltag in Fulda im 18. Jahrhundert“ gab Historiker und Autor Dr. Michael Imhof im Gemeindezentrum der evangelischen Kirchengemeinde in Ziehers Nord am 6. Februar 2025 den Blick frei in das Zusammenwirken des jüdischen Sozialwesens mit den Ansprüchen des kirchlichen Fürstentums an die Organisationsstrukturen des Landesjudentums in der Residenzstadt und die Städte und Ortschaften mit jüdischer Bevölkerung im Fürstentum Fulda. Pfarrer Marvin Lange, Hausherr des Bonhoeffer-Gemeindezentrums konnte über 80 Besucher zu der Veranstaltung begrüßen und erinnerte an den sieben Jahre zurückliegenden Vortrag Imhofs „400 Jahre Juden in der Rhön“.

Jüdische Religion: Verpflichtung zur Wohltätigkeit. Zunächst ordnete Imhof das ausgeprägte Engagement der jüdischen Gemeinde für die Armen und nach Unterstützung Suchenden aus dem Selbstverständnis des Judentums. Armenunterstützung und Wohltätigkeit sind den Juden im mosaischen Gesetz als religiöse Pflicht vorgeschrieben. In zahllosen Responsen, mit denen Rabbiner und Talmudgelehrte ihrer Zeit auf die Anfragen von Gemeinden und Einzelpersonen antworteten, betonten sie den hohen ethischen und religiösen Wert der Fürsorge und Mildtätigkeit. Angesichts der sozialen und wirtschaftlichen Ausgrenzungen der Juden als religiöse und gesellschaftliche Minderheit diente die im Jiddischen „Zedeka“ genannte institutionalisierten Form der Wohltätigkeit dem Überleben gegenüber einer abweisenden bis feindlich gesonnenen christlichen Mehrheitsgesellschaft. Auf lokaler Ebene wurden dazu neben Unterstützungskassen auch Fremdenquartiere, Armenherbergen und Armen-Hospitäler eingerichtet zur Versorgung von Armen der Gemeinde wie auch durchreisender Fremder jüdischen Glaubens. „Das jüdische Armenwesen beruhte auf gegenseitigen sozialen Hilfeleistungen und verpflichtete jedes einzelne Gemeindeglied, in Notfällen anderer einzutreten. Dieses System funktionierte auch, weil im Laufe der Zeit ein ausgeprägtes Bewusstsein von einem gemeinsam erlebten Schicksal entstanden war“, so Imhof.
Jüdisches Bettlerwesen. Nach dem 30jährigen Krieg hatte sich die Zahl der Juden in Deutschland bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts schätzungsweise verdreifacht, von 25.000 um das Jahr 1700 auf 60.000 bis 70.000. Die gleichbleibenden eingeschränkten Berufsmöglichkeiten in Handel und Handwerk und die rigiden Eingriffe in die Niederlassung von männlichen Juden und deren Familiengründungen durch Verweigerung des Judenschutzes beförderte den sozialen Abstieg eines Großenteils der Juden. Die Folge war die Verarmung von breiten Teilen der jüdischen Bevölkerung. Heimat- und obdachlose Arme zogen bettelnd von Judengemeinde zu Judengemeinde. Diese Kreise vergrößerten sich noch durch überwiegend männliche Juden, die aufgrund der Beschränkung der Zahl von geduldeten Gemeindemitgliedern kein Schutzrecht und damit kein Wohnrecht und Eherecht erhielten und auf der Straße ein ärmliches Leben führen mussten. Die Grauzonen der ohne Bleiberecht und wohnungslosen herumziehenden Betteljuden zu jüdischen Diebesbanden waren fließend.


